Leben Zwischen den Grenzen
Im Ausland zu leben war die beste Entscheidung meines Lebens. Gleichzeitig ist sie für ein nicht endendes Gefühl der Sehnsucht verantwortlich.
Seit ich das erste Mal Fuss in Südkorea gesetzt hatte, fühlte sich mein Herz nicht mehr nur an einem Ort zuhause. Immer wenn ich eine lange Zeit in der Schweiz verbrachte, sehnte ich mich nach Korea, dem Leben und meinen Freunden dort. Und jedes Mal, wenn ich länger in Seoul war, vermisste ich mein Zuhause, meine Freunde und Familie in der Schweiz.
Mir wurde schnell bewusst, dass sich das nie mehr ändern wird. Beide Orte haben ihre Reize, aber auch ihre negativen Seiten. An beiden Orten kann ich glücklich werden. Mich entscheiden zu müssen, wo ich aber länger bleiben will, war nicht einfach. Das führte dazu, dass ich immer wieder hin- und herreiste und bis heute mich schwer für längere Zeit an einem Ort niederlassen kann.
Anderen Expats ging es anders. Einigen reichte ein kürzerer Aufenthalt. Anderen war es klar, dass sie für immer auswandern möchten. Aber ich bin auch vielen begegnet, die sich immer wieder anders entschieden.
Meine Professorin an der Universität meinte immer, sie kenne keine andere Person, die sich so gut in Korea integriert hat und trotzdem war ich es, die sich nach Abschluss des Studiums dazu entschloss, zurück in die Schweiz zu ziehen.
Ich muss immer wieder an ihre Worte zurückdenken. Es stimmt. Ich hatte erfolgreich ein soziales Netzwerk aufgebaut und fühlte mich selbständig und in verschiedene koreanische Kreise aufgenommen. Ich hatte auch aktiv dafür gesorgt, klare Tagesstrukturen einzuführen und an unterschiedlichen Freizeitaktivitäten teilzunehmen, mich regelmässig mit Freunden zu treffen und mir ein eigenständiges Leben aufzubauen.
Weshalb wollte ich also überhaupt zurück in die Schweiz?
Am Ende hatte die Rationalität gesiegt. Viele Koreaner:innen fragten mich immer wieder: Warum verlässt du die Schweiz, um in Korea zu leben? Für viele unter ihnen ist die Schweiz eine Utopie. Und ich konnte kaum widersprechen, dass das Leben in der Schweiz in vieler Hinsicht einfacher ist – zumindest, wenn man dort aufgewachsen ist. Freizeit, guter Lohn und viel Freiheit sind Dinge, an die ich mich zu sehr gewöhnt hatte.
Ein weiterer Grund ist meine Verbundenheit zu meiner Familie. Egal wie gute Freunde man im Ausland findet, die Familie ist nicht ersetzbar. Und ab einem gewissen Alter wird einem auch immer mehr bewusst, wie begrenzt die Zeit ist. Will man die Zeit, die man hat, nicht doch mit der Familie nutzen? Sie lässt sich nicht zurückdrehen. Jedes Mal, wenn ich wieder in die Schweiz reiste, waren meine Eltern wieder ein Stück gealtert. Das machte mir auch ein bisschen Angst.
Schliesslich habe ich aber auch eingesehen, dass es einfacher ist, in der Schweiz zu leben und zu arbeiten und in den Ferien nach Korea zu reisen. Umgekehrt wäre dies aus zeitlichen und finanziellen Gründen einiges schwerer.
Ich bereue meine Entscheidung nicht. Und meine erste Reise zurück in meine zweite Heimat steht bereits bevor. Aber ich weiss auch, dass ich einen neuen Traum verfolge. Meine persönliche Utopie: Ein Leben zwischen den Grenzen. Wohnen in zwei Ländern gleichzeitig.
Wenn du dir also überlegst, in ein anderes Land auszuwandern, würde ich dir ganz fest dazu raten. Es ist eine Erfahrung, die dir niemand wird nehmen können und etwas, was du vielleicht dein Leben lang bereust, tust du es nicht. Aber dir muss auch bewusst sein, dass dein Herz sich möglicherweise ein Leben lang nach unterschiedlichen Orten sehnen wird. Und dieser Herzschmerz ist manchmal unerträglich.